Einführung
Die Stadt Brühl hat die Zeichen der Zeit erkannt und dem Gymnasium der Stadt einen Anbau geschaffen, der nicht nur architektonisch richtungweisend ist, sondern auch bildungspolitisch. Hier wurde der Raum geschaffen für ein Selbstlernzentrum, das in seiner Konzeption - wie bisher- den Lehrerinnen und Lehrern zugute kommt, aber auch den Schülerinnen und Schülern. Ganz besonders die Referendarinnen und Referendare werden hier eine Fundgrube für ihre praktischen und theoretischen Arbeiten vorfinden.
Zur Geschichte der Bibliothek
Im Jahre 1896 gab der damalige Leiter des Progymnasiums zu Brühl einen „Katalog der Lehrerbibliothek“ heraus, den er als Beilage zum Jahresbericht über das Schuljahr 1895/96 der Schulöffentlichkeit an die Hand gab.
Hier die Abschrift seiner „Vorbemerkung“ mit seinen Anmerkungen:
„Die Lehrerbibliothek des Progymnasiums umfasst 3 selbständige Abteilungen: 1) Die Lehrerbibliothek im engeren Sinne (Verwalter: Oberlehrer Boll), 2) die Bibliothek des verstorbenen Privatlehrers Balkhausen *1)(Verwalter: derselbe), 3) die Bibliothek des verstorbenen Schriftstellers Lerique *2) (Verwalter: der Direktor). Während die zuerstgenannte Sammlung durch Anschaffungen aus etatmäßigen Mitteln und durch Geschenke fortwährend anwächst, sind die beiden anderen in sich abgeschlossen; sie gingen nach dem Tode ihrer Eigentümer in den Besitz der Stadt Brühl über und wurden durch Beschluss des Gemeinderates vom 8. August 1895 dem Progymnasium überwiesen.
Bei der Feststellung der vorhandenen Bestände trat die erfreuliche Thatsache zutage, dass die 3 Bibliotheken sich in bester Weise ergänzten. Es waren deshalb – abgesehen von den ganz wertlosen Stücken – verhältnismäßig nur wenige Bücher auszuscheiden, wobei der Grundsatz befolgt wurde, verschiedene Ausgaben eines Werkes dann beizubehalten, wenn sie selbständigen Wert besassen. Der Erlös aus den verkauften Exemplaren wurde zur Bestreitung der Einbände von gehefteten Büchern verwendet.. Leider reichte der Raum des Bibliothekszimmers nicht aus, um alle 3 Sammlungen aufzunehmen. Und so musste die Leriquesche Bibliothek, welche vier größere Schränke füllt, im nebenan liegenden Amtszimmer des Direktors untergebracht werden.
Die Zusammenstellung des Katalogs liess sich nicht nach einem einheitlichen Plane durchführen. Bei der Lehrerbibliothek, wo die eingehenden Bücher zunächst in den Hauptkatalog und dann in die Sonderverzeichnisse der betr. Fächer mit fortlaufenden Nummern eingetragen werden, war naturgemäß an dieser Ordnung festzuhalten. Doch schien es zweckmässig, einzelne Werke einer anderen Gruppe zuzuweisen, woraus es sich erklärt, dass die neuesten Erwerbungen nicht immer, wie man erwarten sollte, am Ende der betr. Verzeichnisse aufgeführt sind. Für die beiden anderen Sammlungen wurde eine der Eigenart ihres Inhaltes entsprechende Einteilung und innerhalb der einzelnen Gruppen die einer schnellen Übersicht dienliche alphabetische Reihenfolge gewählt. Hierbei konnte für die Leriquesche Bibliothek ein s.Z. von dem Herrn Seminar-Oberlehrer J. Frohn hierselbst angefertigter Katalog benutzt werden, der allerdings. Weil er hauptsächlich der Feststellung des Vorhandenen hatte dienen sollen, bloss nach Fächern, nicht alphabetisch angelegt war und der nötigen bibliographischen Ausführlichkeit ermangelte.
Zum Schluss möchte ich nicht verfehlen, allen denen meinen Dank auszusprechen,, welche mich bei der ersten Ordnung der in chaotischem Zustand übernommenen Balkhausenschen Sammlung, bei der Ausfertigung und Prüfung der Verzeichnisse sowie bei der Durchsicht der Druckbogen unterstützt haben.
Brühl, im März 1896 Der Verfasser
Anmerkungen des Verfassers:
*1) Heinrich Balkhausen wurde geboren zu Burbach b/Gleuel (Landkreis Köln) am 29. Mai 1827 und starb zu Berrenrath b/Gleuel am 29. Juni1895. Bis etwa 14 Tage vor seinem Tode lebte er viele Jahre als Privatlehrer in Brühl.
**2) Joseph Lerique, geboren zu Köln am 14. April 1836, wirkte von 1861 – 84 als Vikar zu Pingsdorf b/Brühl. Im Jahre 1884 legte er wegen Kränklichkeit seine Stelle nieder und lebte seitdem in Brühl, wo er bereits im Schuljahre 1869/70 aushülfsweise den kath. Religionsunterricht an der höheren Schule, dem jetzigen Progymnasium, erteilt hatte. Er starb zu Brühl am 29. Januar 1890. Außer zahlreichen Kritiken und Rezensionen schrieb er mehrere größere und kleinere Werke litterargeschichtlichen und pädagogischen Inhalts.“
Die Bibliothek - ein Denkmal seit 1990
Im Jahre 1990 wurde die Bibliothek des Max-Ernst-Gymnasiums aufgenommen in die Reihe der ‚Historischen Buchbestände der Bundesrepublik Deutschland'. Sie hat damit den Status eines Denkmals bekommen. Der Grund hierfür ist vor allem dem historischen Buchbestand zuzuschreiben, der sich auf Seite 195 im ‚Handbuch der historischen Buchbestände' wie folgt liest: (gekürzt)
2.1 Bei einem Gesamtbestand von ca. 9000 Bdn. beträgt der historische Bestand 1575 Bde. Vorhanden sind eine Inkunabel, ein Titel des 16. Jhs, 6 Bde des 17 Jhs, 117 Bde des 18. Jhds und 1450 Bde des 19. Jhs. Sprachlich überwiegen deutsche Werke mit ca 80 Prozent; es folgen lateinische mit ca. 15 Prozent und wenige französische, englische und spanische Werke.
2.2 Innerhalb der Bestandsgruppen ist ein Schwerpunkt im historischen Bestand auszumachen. Zahlenmäßig überwiegen Werke aus der Geschichte mit ca. 330 Bdn. Hierzu gehört die Cronica van der hilliger stat von Coellen (Köln: Johannes Koehlhoff, 1499). Zu erwähnen sind eine Quintilian-Ausgabe von Johannes Sichardt (1529), Cornelius Nepos' De vita excellentium imperatorum (Frankfurt 1608) und die Disquisitionum magicarum libri sex von Martin Delrios (1624). Aus dem Bereich der alten Sprachen mit ca. 240 Bdn ist eine Werkausgabe von Justus Lipsius (Wesel 1675) erwähnenswert.
2.3 Schriften zur Pädagogik, besonders aus der 2. Hälfte des 18. Jhs, sind mit ca. 140 Bdn ebenfalls stark vertreten. Werke zur deutschen Literatur (Werkausgaben, Wörterbücher, literaturwissenschaftliche Texte) umfassen ca. 190 Bde. Hinzu kommen außerdem ca. 90 Bde zur Theologie und einige zur Philosophie.
2.4 Die Werke des 18. Jhs (117 Bde) zeigen einen repräsentativen Querschnitt durch eine Gelehrtenbibliothek der damaligen Zeit. Es finden sich Werke zur Geschichte, wie Samuel Pufendorfs De rebus gestis Frederici Wilhelmi Magni (Leipzig 1733), ein Entwurf einer Geschichte des gegenwärtigen Krieges (1762, 1763), der fast nur aus handkolorierten Karten und Grundrissen besteht, die Geschichte der Stadt Köln von Peter Alexander Bossart (Bonn 1729) und verschiedene Geschichtswerke, frühe Übersetzungen von David Hume und Ludovico Antonio Muratori. Vorhanden sind auch Gesetzestexte, so das Corpus juris canonici (1728) und das Corpus juris Publici (1745). Außerdem sind griechische und lateinische Textausgaben erwähnenswert.
2.5 Im 19. Jh liegen Schwerpunkte bei Werkausgaben deutsche klassischer und romantischer Autoren, Wörterbücher und sprachwissenschaftlichen Werken, lateinischen und griechischen Textausgaben, Werken philosophischen, pädagogischen und religionswissenschaftlichen Inhalts. Hervorzuheben sind im Bereich Geschichte der Rheinlande und Kölns die Publikationen der Gesellschaft für rheinische Geschichtskunde und die Annalen des historischen Vereins für den Niederrhein.
Über die wechselvolle Geschichte des Buchbestandes lässt sich nachlesen in der Schrift zur 125-Jahrfeier des Max-Ernst-Gymnasiums.
Zu ergänzen wäre, dass die Bibliothek in ihrem Buchbestand sicher den geistigen Hintergrund derer widerspiegelt, die diese Bücher gekauft und zur Lehre eingesetzt haben.
Darüber hinaus ist der Umgang mit den Büchern und die Wertschätzung der Bibliothek immer auch ein Spiegelbild einer Kultur.
Was Generationen gesammelt und für wert erachtet haben, wurde erstmalig im 3.Reich auf seine „Verwendbarkeit“ für eine Ideologie hin sortiert. Nach dem 2. Weltkrieg musste der arme Hausmeister – Herr Roscheda – das nationalsozialistische Gedankengut im Heizkessel der Schule verfeuern.
Bis zum Ende der 60er Jahre lagerten die Bestände mehr oder weniger schutzlos im Keller. Sie wurden dann von verschiedenen Seiten erneut auf ihre Wertigkeit hin sortiert. Alte Bücher konnte man an Antiquariate zum Kilopreis von 10 Pfennigen verkaufen oder man konnte durch Verfremdungen im Kunstunterricht Objekte herstellen mittels Säge und Bohrer. Fürchterliche Vorstellungen für einen Bibliophilen.
Dass ausgerechnet jetzt die finanziellen Möglichkeiten der Stadt die sofortige Umsetzung der Pläne für diese Bibliothek verzögern, ist sehr schade.
Wir werden aber dennoch mit allen Kräften daran arbeiten, dass das Konzept einer Bibliothek für die LehrerInnen und SchülerInnen mit allen Möglichkeiten des Lernens im Rahmen eines Selbstlernzentrums gerade jetzt in den Zeiten der „Pisa-Studie“ verwirklicht wird.
Möge die Stadt dann eben in den kommenden Jahren die nötigen Mittel kontinuierlich freistellen.
23.06.2006 – Björn Chrosciel

